Copyright 1999 Contrapress media GmbH
Vervielfaeltigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags  
taz, die tageszeitung


August 6, 1999


SECTION: Pg. 17

LENGTH: 872 words

HEADLINE: Tune in, sag aus

BYLINE: Nils Michaelis

HIGHLIGHT:
Timothy Leary soll mit dem FBI zusammengearbeitet haben. Im Internet sind Verhoerprotokolle einzusehen . Von Nils Michaelis

BODY:
"Tune in, turn on, drop out" - sechs Worte, die Timothy Learys Ruf als fuehrender Kopf der Sechziger festigten. Doch Learys Integritaet wird bruechig: Nach Ablauf einer Sperrfrist veroeffentlichte das FBI auf der Grundlage des Freedom of Information Acts nun Verhoerprotokolle, aus welchen hervorgeht, dass Leary 1974 sein Wissen ueber die bewaffnete linksradikale Untergrundorganisation der Weathermen ausplauderte.

Die Weathermen hatten ihn im September 1970 aus einem kalifornischen Gefaengnis befreit, in dem er fuer den Besitz einiger Gramm Marihuana eine zehnjaehrige Haftstrafe absitzen sollte. Nach der Befreiungsaktion floh Leary zunaechst nach Algerien, wo er u. a. auf den Black-Panther-Fuehrer Eldridge Cleaver traf. Nach seiner Abschiebung aus Algerien wurde Leary nach verschiedenen Zwischenstationen 1974 in der Schweiz verhaftet und an die USA ausgeliefert.

Von seiner Kooperation mit dem FBI versprach sich Leary offenbar nicht nur eine Verkuerzung der Haftzeit, er hoffte, dass diese auf der gleichberechtigten Grundlage einer "intelligenten, ehrenvollen Zusammenarbeit mit den Gesetzesvertretern" moeglich waere, wie es im Internet in einem einleitenden Text zu den Protokollen heisst. Die Echtheit der auf der geheimdienstkritischen Website "The Smoking Gun" (www. thesmokinggun.com) veroeffentlichten Dokumente wurde von FBI-Seite bestaetigt.

Das FBI befragte Leary insbesondere nach den an der Befreiungsaktion beteiligten Personen. Leary nannte sowohl Details der Befreiung als auch Namen verschiedener Aktivisten. Die Weathermen verstanden sich als studentische Entsprechung der Black Panther, sie kaempften aus dem Untergrund gegen Rassismus und den Vietnamkrieg.

Die Aussagen gegenueber dem FBI werfen dunkle Schatten auf Learys Vergangenheit, zumal der Charakter des Nachrichtendienstes ueber lange Phasen seiner Existenz dem einer politischen Polizei nahe kam. Seit 1919 der unter dem Eindruck der russischen Oktoberrevolution stehende spaetere FBI-Chef J. Edgar Hoover mit 24 Jahren die Abteilung fuer "revolutionaere und ultraradikale Gruppen" uebernahm, richteten sich die Aktivitaeten des Federal Bureau of Investigation zunehmend gegen Andersdenkende. In seine Amtszeit fallen die aktive Unterstuetzung des Kommunistenjaegers McCarthy wie auch die Bespitzelung des Friedensnobelpreistraegers Martin Luther King. Gegen die studentische Linke der spaeten Sechziger war eine eigene Abteilung gegruendet worden, das Counterintelligence Programm (Cointelpro). Um die Fuehrung der Black Panther auszuschalten, bediente sich das FBI auch jener "dirty tricks", die von gezielten Falschaussagen bis zum Mord reichten.

Learys Hoffnung auf eine "intelligente" Kooperation mit den Geheimdienstlern koennte auf Erfahrungen zurueckgehen, die er als Harvard-Professor fuer Psychologie sammelte. Bis zu seinem Rausschmiss 1963 von der Universitaet, weil er allzu freigiebig Drogen an Studenten verteilt hatte, forschte er an psychologischen Tests, die spaeter auch von der CIA als Einstellungspruefung genutzt wurden. Der US-Autor Mark Riebling schreibt in seinem Buch "The Wedge", Learys erstes LSD habe aus Quellen der CIA gestammt, die seit den Fuenfzigern mit psychedelischen Substanzen als Gestaendnisdrogen experimentierte.

Verschwoerungstheorien? In einem Interview mit dem Drogenjournal High Times fand Leary 1978 fuer die Central Intelligence Agency ebenso dunkle wie lobende Worte: "Wenn man die Dinge im Nachhinein betrachtet, erscheint vieles, was damals wie ein Unfall erschien, eben nicht als Unfall. Die gesamte LSD-Bewegung war urspruenglich von der CIA gesponsert, der ich ansonsten viel zu verdanken habe. Dass ich hier jetzt rede, ist der Weitsicht und dem Ansehen der CIA-Psychologen zu verdanken. Man sollte der CIA dafuer danken, eine wahre Intelligence-Agency zu sein."

Sicher ist, dass Leary die explizit marxistischen Anklaenge des amerikanischen SDS nicht teilte. Mit einem Bein stand Leary immer auch auf dem Boden des antikommunistischen Grundkonsens, so wie er gleichzeitig nach Wegen suchte, einen Kapitalismus mit langhaarigem Antlitz zu verwirklichen. Die Spaltung der amerikanischen Linken in Politisierte und Psychedelisierte beschrieb einst Hunter S. Thompson: "Statt Schilder hochzuhalten und revolutionaere Slogans zu verkuenden, trugen immer mehr Demonstranten Blumen, Lufballons und bunte Poster, auf denen Saetze von Dr. Timothy Leary, dem Hohepriester der Acid-Bewegung, standen. Die Drogenkultur wuchs schneller, als es die politischen Aktivisten fuer moeglich hielten. Statt, wie die politisch Radikalen, die von der Free Speech Movement kamen, wollten die Hippies aus der Gesellschaft aussteigen, statt sie zu veraendern."

Ob die Gruende fuer seine FBI-Aussagen nun in Learys politischen Dispositionen zu suchen sind, oder ob vielleicht doch der gute alte Gestaendniszwang des streng katholisch erzogenen Ex-Professors am Werk war, laesst sich letztlich nicht mit Sicherheit beantworten. Am 31. Mai 1996 starb Leary an Prostatakrebs. Die Frage, ob ein Suender wie er in das Himmelreich kaeme, wollte der quirlige Timothy Leary nicht dem Zufall ueberlassen und verfuegte, dass seine Asche an Bord einer Rakete ins All zu schiessen sei.